Ich bin nicht in einer Familie aufgewachsen, die mich getragen hat.
Ich bin in einem System aufgewachsen, das getragen werden wollte.
Meine Eltern kamen aus einer anderen Zeit. Aus einer anderen Welt. Sie hielten an ihren Wurzeln fest, weil diese Wurzeln das Einzige waren, was ihnen Halt gab. In einem fremden Land, mit einer fremden Sprache, fremden Regeln, fremden Blicken. Das war kein Stolz. Das war Angst, nicht unterzugehen.
Aber diese Wurzeln hatten Dornen.
Sie standen im Dauerstreit mit ihren eigenen Familien. Neid, alte Verletzungen, nie ausgesprochene Rechnungen. Geld, das geschickt werden musste, um Gesichter zu wahren. Status, der gehalten werden musste, damit niemand verliert. Ich habe diese Spannungen nicht erklärt bekommen. Ich habe sie geatmet. Jeden Tag. Still.
Als Kind durfte ich vieles nicht. Nicht fragen. Nicht widersprechen. Nicht einfach sein. Kultur stand über Gefühl. Ordnung über Wahrheit. Anpassung über Freiheit. Für andere Kinder hieß das Zwangsehen. Für mich hieß es, klein zu bleiben. Leise zu sein. Mich zu fügen, damit das fragile Gleichgewicht nicht kippt.
Ich habe früh verstanden, dass Wahrheit gefährlich ist, wenn sie ein System bedroht. Dass eigener Stand als Angriff gilt. Also habe ich meinen Stand zurückgenommen. Ich habe getragen, was nicht meins war. Konflikte aus einer Generation vor mir. Ängste, die nie meine waren. Erwartungen, die mir nie erklärt wurden.
Dann kam die neue Welt. Technologie. Bilder. Vergleich. Entgrenzung. Alles wurde schneller, lauter, leerer. Meine Eltern waren damit überfordert. Und statt Halt zu geben, hielten sie fest. An Kontrolle. An Regeln. An Schweigen. Nicht aus Bosheit. Aus Überforderung. Aber Überforderung schützt keine Kinder.
Ich habe funktioniert.
Ich habe ertragen.
Ich habe geschwiegen.
Nicht weil ich schwach war.
Sondern weil ich loyal war.
Zu lange.
Irgendwann wurde mir klar: Herkunft erklärt vieles, aber sie darf mich nicht zerstören. Kultur ist kein Schutz, wenn sie den Menschen bricht. Loyalität ist keine Tugend, wenn sie Selbstverrat verlangt. Wahrheit steht über jedem System. Über jeder Familie. Über jeder Tradition.
Der Bruch war kein Angriff.
Der Bruch war kein Hass.
Der Bruch war Überleben.
Erst als ich aufgehört habe, dieses System weiterzutragen, habe ich wieder Luft bekommen. Erst da endete die Vererbung. Erst da begann etwas Eigenes. Nicht perfekt. Nicht bequem. Aber wahr.
Und Wahrheit hat Gewicht.