Drei Jahre später, am 18.12.2025. Niemand da.
Ich war heute auf dem Friedhof.
Auf den Tag genau drei Jahre nach dem Suizid meines Schwagers.
Gestern habe ich es nicht geschafft.
Es war dunkel. Mein Kopf hat Bilder produziert. Angst.
Heute bin ich gegangen.
Nicht weil es leicht war.
Sondern weil Wegschauen keine Option mehr ist.
Was mich erschüttert hat, war nicht der Tod.
Was mich erschüttert hat, war die Leere.
Kein Freund.
Kein Bekannter.
Nicht seine Ex Frau mit der er zwei Kinder hat.
Nicht meine Schwester.
Nicht meine Eltern.
Keine Blume.
Keine Kerze.
Kein Zeichen.
Und das, obwohl viele von ihnen damals am Grab standen und geweint haben.
Was hier wirklich sichtbar wird
Menschen fühlen intensiv.
Aber sie tragen nicht lange.
Trauer ist für viele kein Band, sondern ein Moment.
Solange etwas frisch ist, wird es geteilt.
Solange andere dabei sind, fühlt man mit.
Wenn Zeit vergeht und niemand mehr hinschaut, endet es.
Das ist kein Zufall.
Das ist menschliches Verhalten.
Suizid trennt statt zu verbinden
Ein natürlicher Tod wird akzeptiert.
Ein Suizid bleibt offen.
Er wirft Fragen auf, die niemand beantworten will.
Hätte ich etwas merken müssen
Habe ich weggeschaut
Habe ich ihn allein gelassen
Ein Grab zwingt zur Stille.
Und in dieser Stille taucht das eigene Versagen auf.
Also bleiben viele fern.
Nicht aus Gleichgültigkeit.
Sondern aus Vermeidung.
Tränen sind leichter als Haltung
Damals zu weinen war einfach.
Drei Jahre später hinzugehen erfordert etwas anderes.
Keine Emotion.
Sondern Haltung.
Eine Blume heute bedeutet
Ich erinnere mich
Ich halte aus
Ich stehe dazu
Und genau das können die meisten nicht.
Was mich das gelehrt hat
Emotionale Loyalität ist kurzlebig.
Bindung ohne Publikum ist selten.
Erinnerung ohne Nutzen wird vermieden.
Das ist bitter.
Aber es ist klar.
Und Klarheit ist wertvoller als jede Illusion.
Warum ich trotzdem gegangen bin
Nicht weil ich besser bin.
Sondern weil ich gelernt habe zu tragen.
Angst zu haben und trotzdem zu gehen.
Nicht wegzuschauen.
Nicht auszuweichen.
Das ist keine Stärke aus Motivation.
Das ist Stärke aus Konfrontation.
Der Kern von CEM
CEM ist kein Trostsystem.
Kein Wohlfühlraum.
Kein Redekreis.
CEM existiert für genau diese Momente.
Wenn niemand klatscht.
Wenn niemand zusieht.
Wenn keine soziale Funktion mehr bleibt.
Haltung ohne Applaus.
Bindung ohne Bühne.
Standhalten ohne Publikum.
Das ist selten.
Aber genau dort beginnt Wahrheit.
Und manchmal steht man allein an einem Grab
und versteht zum ersten Mal
wie Menschen wirklich sind.